Ceyda Simsek

Krumme Geschäfte

Es ist ein weiterer verregneter Morgen in Hamburg. Der dichte Nebel wabert wie eine flüssige Decke über das Wasser. Ich krieche aus meinem Loch hervor, dass auch für diese Nacht nur eine Übergangslösung war. Meine Glieder fühlen sich matschig an, mein Bart wirft einen dreckigen Schatten in mein Gesicht, die tiefen Furchen unter meinen Augen tun ihr Übriges. Mein Anzug ist voller brauner Flecken, das Gelb mittlerweile verschmutzt und wirkt eher wie blasses graugelb.

Ich ziehe meine blaue Strickmütze auf, drehe mir eine Zigarette und gehe, wie jeden Tag, am Ha- fen entlang. Es ist wieder einer dieser Morgen, in denen ich unsichtbar durch das Grau der Stadt umherschleiche, still und in Gedanken. Ein Tag an dem ich sogar meinem Kumpel Harry aus dem Weg gehe, obwohl ich mich mit ihm sonst jeden Morgen, auf der Ecke zum alten Kutter, auf ein Frühstücksbier treffe. Meine Gedanken schweifen in alte Erinnerungen ab. Harry wurde sowohl zu meiner Vergangenheit als auch zu meiner Zukunft, nachdem ich ihn vor fast 35 Jahren in Ham- burg, einer mir fremden Stadt in einem fremden Land, kennengelernt habe.

Er war der einzige, der mich so angenommen hat wie ich bin. Während andere mich immerzu nach meiner Herkunft kategorisierten, war Harry einfach nur daran interessiert, ob er etwas von meinem Single-Malt Whiskey haben könnte, den ich kurz vorher halb voll an einer Parkbank ge- funden hatte, da dies sein liebstes Gebranntes sei. Er erinnerte mich an meinem Kumpel Eduardo, den ich in meiner Heimat zurückließ, auch er trank den Whiskey, den ich damals mit Harry geteilt hatte. Trotz dessen, das uns eigentlich soviel voneinander Unterschied, verstanden wir uns auf Anhieb gut.

Aber an diesem Morgen bin ich lieber allein. Auf meinem ziellosen Weg Richtung Osten. Einige Minuten später treffe ich auf Tommy. Wir kennen uns nur flüchtig. Tommy ist dafür bekannt, Dinge zu besorgen, von denen du noch nicht wusstest, dass du sie haben wolltest, bis du sie von ihm bekommst. Trotz dessen das ich heute am liebsten einfach im Nebel verschwunden wäre, oder vielleicht auch gerade deswegen, kommt er mir sehr gelegen. Normalerweise versuche ich sol- chen Begegnungen aus dem Weg zu gehen und diese zu vermeiden, aber ich merke schnell das Heute wieder einer dieser Tage ist, an denen es sich richtig anfühlt. Reden brauche nicht mit ihm, wir verstehen wortlos.

Tommy ist mir ähnlicher als Harry, zumindest was die Art angeht. Ein Fremder aus einem fernen Land, obwohl er auch in Deutschland Verwandte hat. Er ist etwa 15 cm kleiner und viel runder als ich. Er trägt im Gegensatz zu mir ein rotes Jackett und Jeans. Man sieht auch ihm die Spuren der Vergangenheit an. Wir verziehen uns in eine Seitengasse, die seitdem das neue Bankgebäude steht, im eigenen Schlagschatten liegt. Ich schwelge wieder ab und erinnere mich daran, dass es da wo ich herkomme, das ganze Jahr über sonnig ist.

Als ich meine Reise von dort begann, endlich reif genug um die Plantage zu verlassen, war es ein ungewöhnlich heißer und besonders trockener Tag. Vermutlich war das die Ruhe vor dem Sturm, die mich später erwarten sollte. Während ich so darüber nachdachte, kramt Tommy weiter in seinen Taschen herum, er weiß genau was ich will, auch wenn ich wahrscheinlich der Einzige bin der nach so etwas „Wie das“ nachfragt, hat er dennoch immer eine Pulle auf Vorrat bei sich. Es ist genau das gleiche Zeug, das wir auf den Plantagen bekommen haben. In Deutschland sind diese Pestizide absolut illegal, aber er meinte, dass das auch keinen Unterschied mehr macht.

Ich muss davon nur ein paar wenige Tropfen nehmen. Es hilft mir meine Erinnerungen und Gefüh- le an meine Heimat vor Hamburg zu bewahren. Bevor ich aus dem Frachter, mit den Bananenkis- ten, verloren ging und in Hamburg angespült wurde. Es hilft mir, als Banane hier im kalten Norden von Deutschland zu überleben.

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