Lea Ganzek

Ausflug

Ich sitze auf einer weißen Bank. An manchen Stellen blättert schon die Farbe ab und ich kann es nicht unterdrücken ein wenig daran zu knibbeln. Die Bank war anscheinenden einmal rot. So ein altes Rostrot, fast wie getrocknetes Blut. Um die Knibbelei zu unterbrechen lege ich meine Hände in den Schoß. Mein Kleid fühlt sich weich auf meinen Oberschenkeln an. Heute trage ich dazu meine karierten Vans, obwohl Sandalen wahrscheinlich besser gewesen wären. Ich atme tief die warme Luft ein, die angereichert ist mit dem Duft der Blumen und der Wiese um mich herum. Über mir summt es, wie ein kleines Bienenkonzert. Als ich hochschaue entdecke ich hunderte kleiner Arbeiter, die sich über die Blüten des Baumes hermachen. Eine leichte Brise frischt auf und zerzaust meine schulterlanges blondes Haar. Ich nehme mein Lieblingshaargummi von meinem Handgelenk und binde mir einen Zopf. Zum Glück spendet mir die alte Eiche etwas Schatten, denn meine blasse Haut ist nicht an das Sonnenlicht gewöhnt. Oft schaffe ich es nicht hier her. Mein Blick schweift in die Ferne. Ich erkenne einen dichten Wald und davor liegt die Wiese. Mohnblumen stechen heraus mit ihren roten Köpfen. Ich kann so weit schauen. Unglaublich. Dann vibriert die Uhr an meinem Handgelenk. Wwwwt wwwwt. Mir bleiben nur noch dreißig Sekunden. Das kann doch nicht sein! Ich hatte 15 Minuten gebucht. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Die Angst davor, dass es vorbei ist, lässt mich erschaudern. Hastig stehe ich auf und laufe Richtung Wald. Er über die Wiese, dann durch ein Feld. Mittlerweile renne ich. Die Uhr piepst. Immer schneller. Ich möchte unbedingt noch den Wald erreichen, bevor ich zurück muss. Ich kann schon das Harz der Bäume riechen und die Tannenzapfen. Nur noch wenige Meter. Da bleibe ich ruckartig stehen und kann nicht weiter. Der Wald verwandelt sich vor meinen Augen in digitale Linien, bis ich nur noch schwarz sehe.
Wütend reiße ich mir die Brille vom Kopf und versuche mich los zu schnallen. Mein Körper fühlt sich lahm an und ich habe keine Kontrolle über meine Gliedmaßen. Ein unangenehmer Nebeneffekt. Ich stehe auf einem überdimensionalen Laufband in einem fensterlosen Raum. Ein plumpes Metallgerüst ist neben mir aufgebaut, an das ich angeschnallt bin. Natürlich habe ich einen der alten Räume mit veralteter Technik bekommen. Wusste gar nicht, dass diese Räume noch in Betreib sind. Ich versuche ein weiteres Mal die Schnallen um meinen Körper zu lösen. Ohne Hilfe komme ich hier nicht weg. Ich weiß das, trotzdem ist es frustrierend. Ein Angestellter betritt den Raum. Er fragt, ob ich den Ausflug genossen habe. Ich antworte nicht. Nach einem Trip ist die Realität noch erdrückender. Meine Fingerspitzen fangen an zu kribbeln und langsam kommt mein Gefühl für meinen Körper zurück. Die Gurte, die mich festhalten lösen sich und ich schaffe es direkt auf eigenen Beinen zu stehen. Ich stoße die helfende Hand des Angestellten weg, der mich auffangen wollte und verlasse den tristen, grauen Raum. Ich bedanke mich nicht bei ihm. Schließlich wird er dafür bezahlt. Als ich in dem sterilen Flur stehe, merke ich, dass meine Wangen immer noch nass von meinen Tränen sind. Hastig wische ich sie weg und laufe Richtung Foyer.
Die meisten Gebäude sind ohne Fenster gebaut. Zu aufwendig, zu teuer. Und für welchen Ausblick? Das Foyer der Firma allerdings ist komplett verglast. Und da ich auf der 95. Etage des Gebäudes bin, habe ich einen weitreichenden Blick über die Stadt. Der Ausblickt raubt mir jedes mal den Atem. Ich trete ganz nah an das Glas, lege meine Hände daran, drücke meine Stirn dagegen und lehne mich mit meinem ganzen Gewicht daran. Ich stelle mir vor, wie das Glas bricht und ich hunderte Meter nach unten stürze. Irgendwie fühlt sich die Vorstellung befreiend an. Ich weiß warum sie uns die Realität sehen lassen. Weil sie wollen, dass wir öfter herkommen, mehr Ausflüge bei ihnen buchen. Und ich bin in ihre Falle getappt, wie ein Idiot. Ohne Hilfe komme ich hier nicht weg. Ich weiß das, trotzdem ist es frustrierend.

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